Tag 1 nach dem Militärputsch

Am Nachmittag des 22. Mai 2014 hat der Oberbefehlshaber des thai­ländischen Heeres die Über­nahme aller Exekutivbefugnisse durch die Armee verkündet. Es geschieht zum wiederholten Mal seit dem Ende der absoluten Monarchie im Jahre 1932, dass Thailands Armee putscht.
Zum ersten Mal erlebe ich es persönlich und vor Ort mit. Bereits am vergangenen Dienstag hatte die Armee das Kriegsrecht ausgerufen. Ein Putsch sei das nicht, wurde da noch betont. Gestern erklärte General Prayuth Chan-ocha dann, auf allen thai­län­dischen Fernsehkanälen gleich­zeitig, in einer kurzen Ansprache:

Die Armee hat die Macht ergriffen, um die politischen Institutionen zu reformieren und unserem Land wieder Einigkeit zu bringen. – General Prayuth Chan-ocha

General Prayuth Chan-ocha
General Prayuth Chan-ocha

Damit machte er sich zum derzeit mächtigsten Mann Thailands. Deutsche Zeitungen suggerieren ziemlich einhellig, dass das thailändische Militär eine „gefährliche“ Institution sei und nur von Macht­besessenheit angetrieben wäre. Dies ist nach meiner Meinung aber falsch. Der Putsch ist in der momentanen Situation wohl sogar die beste Lösung. Die Anführer beider politischer Lager (die sogenannten Rot­hemden und Gelbhemden) wurden festgenommen. Radio- und Fernsehsender wurden zwar ab­ge­schal­tet, aber bei weitem nicht alle. Es soll lediglich eine weitere Eskalation durch Propaganda-Sendungen verhindert werden. Wenn sich zwei Seiten nicht einigen können und wie kleine Kinder trotzen, muss einer auf den Tisch hauen und für Ruhe sorgen. Wer wäre das wohl in Deutschland? Die Thais indes haben ein recht gutes Verhältnis zu ihrem Militär. Über Jahrzehnte war es immer ein stabilisierender Faktor im Land.

Es ist ruhig in Bangkok, weder die Fahrt nach Hause gestern Abend noch die Fahrt zur Arbeit heute Morgen war anders als an irgend einem anderen Tag. Ich habe nicht einen einzigen Soldaten gesehen. Unsere Firma befindet sich in der Innenstadt, kaum einen Kilometer von Sala Daeng entfernt. Zur Zeit gilt landesweit eine nächtliche Ausgangssperre von 22:00 Uhr bis 5:00 Uhr. Ob das in den reinen Touristen-Gegenden auch durchgesetzt wird, weiß ich nicht. Allerdings kann ich mir nicht so recht vorstellen, dass in Pattayas „Walking Street“ abends um zehn tatsächlich die Bürgersteige hoch­ge­klappt werden.

Gerüchte, dass der vor dem Putsch amtierende Ministerpräsident Niwatthamrong sowie dessen Stellvertreter Pongthep Thepkanjana und Chaturon Chaisaeng in die Bangkoker US-Botschaft geflüchtet seien, wurden von Botschafterin Kristie Kenney umgehend dementiert.

Und was der SPIEGEL hier wieder von der dpa übernommen hat

Alle internationalen Fernsehsender wurden blockiert. Stattdessen laufen nach Angaben einer dpa-Reporterin Gebete, oder ein Armeesprecher ist im Bild zu sehen.
Armee hat ganz Thailand im Griff

ist einfach nur Unfug. Dann hätte man wohl vergessen, mein Haus zu blockieren. Bei mir sind alle internationalen Sender zu sehen, z.B. DW, RAI, Sender aus Russland, China usw. Die „roten“ und „gelben“ Kanäle sind allerdings tatsächlich blockiert.

Die öffentlichen Verkehrsmittel stellen bereits um 21:00 Uhr (statt um 0:00 Uhr) den Betrieb ein, viele Geschäfte schließen um 20:00 Uhr (statt um 21:30 Uhr). Das sind die einzigen, wahrnehmbaren Ein­schränkungen für in Bangkok arbeitende Ausländer. Der Flugbetrieb auf dem internationalen Flughafen Bangkoks geht unverändert weiter. Das deutsche Außenministerium hat bis dato keine Reisewarnung für Thailand veröffentlich, nur allgemeine Sicherheitshinweise, die tatsächlich beachtet werden sollten. Allerdings sind diese so allgemein gehalten, dass sie immer gelten, nicht nur derzeit. Einen sehr guten Artikel mit Verhaltensregeln für Touristen hat thaizeit.de anzubieten.

Westliche Regierung haben den Staatsstreich verurteilt. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erklärte, er lehne die Machtübernahme ab. Das Militär müsse den politischen Dialog der Konfliktparteien wieder in Gang bringen und rasche Neuwahlen ermöglichen. – Kritik aus Deutschland und den USA

Aha, wie zu erwarten war, aber wo bitteschön waren die „westlichen Regierungen“, als die Gelben die Machtübernahme ohne Wahlen forderte? Wo waren sie, als diese die Wahlen sogar boykottiert haben? „Na Steini, wie äußern wir uns denn im Fall Thailand?“ – „Ach Gott, keine Ahnung. Heben wir halt ‚mal eine Augenbraue und verurteilen es. Demokratie kommt ja immer gut und in Deutschland brauchen wir keine Presse zensieren, auf die können wir uns verlassen, die schreiben eh alle das Gleiche. Im Zweifelsfall schließen wir uns dann den Ausführungen unseres sehr verehrten amerikanischen Amtskollegen an.

1 Gedanke zu „Tag 1 nach dem Militärputsch“

  1. Till Fähnders von der FAZ berichtet Ähnliches und scheint eine realistischere Berichterstattung abzuliefern als der Spiegel und andere Medien. Der Spiegel ist halt auch nicht mehr das was er mal war, sondern glänzt eher mit reißerischen Artikeln. Am Besten in asiatischer Manier mit einem gelassenen Lächeln abnicken und querlesen.
    Natürlich wollen die Eliten in Thailand nicht ihren Einflussbereich und ihre Netzwerke abgeben. Aber in welchem Land ist das anders, auch nicht bei Langnasen. Ein Asiate denkt praktisch und ans Geschäft, deshalb ist das Eingreifen des Militärs vermutlich getragen von der Mehrheit in Thailand.

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