Seid umschlungen, Millionen!

Ob Johann Strauss Webseiten gemeint hat, als er diesen Walzer komponiert hat, der im Wiener Musikverein uraufgeführt wurde? Das ist doch sehr unwahrscheinlich. Völlig klar indes ist, dass man nach der Lektüre gewissser Zeitungsartikel erst einmal tief durchatmet und sich dann fragt: Wie ist so etwas nur möglich?

Lebensministerium
Der neue Webauftritt des österreichischen Lebensministeriums

Ein Webauftritt des österreichischen Lebensministeriums kostet (den Steuer­zahler) die Kleinigkeit von 4,39 Millionen Euro. „Nein, das stimmt ja gar nicht“, sagt das Ministerium. Der Webauftritt kostete nur 1,35 Millionen Euro. Die Differenz in Höhe von 3,04 Millionen sei für das CMS und die Wartung bis zum Jahr 2015. Ach so! Naja dann …

Wenn man den Stundensatz eines professionellen (und teuren) Web­ent­wicklers mit 100 Euro ansetzt, sollte man jemanden finden können, der so etwas wirklich kann. Das ergibt dann 13.500 Mannstunden (337 Wochen oder 6,49 Jahre für die Webseiten und 30.400 Mannstunden (760 Wochen oder 14,61 Jahre) für die Wartung. Schluck. Immer wenn ich versuche so etwas anzubieten, höre ich von den Kunden nichts mehr. Warum nur?

Ein Team von 10 Profis kann folglich über zwei Jahre in Vollzeit (40 Stunden pro Woche, 52 Wochen pro Jahr) an dem Projekt arbeiten und jeder einzelne von ihnen verdient Stunde für Stunde 100 Euro. So etwas nenne ich ein Traumprojekt.

Die Webseite sieht hübsch aus, daran besteht kein Zweifel. Sie ist sicherlich auch nicht schlecht gemacht. Aber in der heutigen Zeit könnte man sich für solche Summen vielleicht doch etwas mehr erwarten.

  • HTML5 – gut, darüber lässt sich jetzt streiten. Ich hätte es verwendet.
  • Ein responsive Layout. Darüber lässt sich allerdings nicht mehr streiten. Die Seite ist selbst auf einem iPad (Querformat, 1024 x 768 Pixel) nicht ohne horizontale Scrollbalken zu betrachten. Von einem iPhone oder ähnlichem ganz zu schweigen.
  • CSS Sprites. Das ist nun etwas, was ich überhaupt nicht mehr verstehe, dass man nämlich jedes einzelne Icon separat einbindet, statt sie zu kombinieren.
  • Etwas mehr Performance. Google PageSpeed gibt hier 52 von 100 möglichen Punkten. Schon ein bisschen wenig. Mit ganz wenig serverseitigem Aufwand könnte man hier viel machen.

Die Seite wurde offenbar mit dem Magnolia CMS aus der Schweiz erstellt. Ich kenne es nicht und habe nie damit gearbeitet. Es ist bestimmt nicht das schlechteste CMS. Aber eines dürfte sicher sein: Wenn das die Standardpreise sind, dann ist es eindeutig zu teuer.

1 Gedanke zu „Seid umschlungen, Millionen!“

  1. Als Österreicher muss ich ihnen leider mitteilen, dass Sie keine Ahnung haben von Webentwicklung in Österreich.

    Schließlich haben wir in den Bergen keinen Strom (zu weit für Stromleitungen) also muss für die Entwicklung wie den Serverbetrieb tonnenweise USV Batterien herangekarrt werden. :)

    Nein ernsthaft, Ihre Kalkulation ist natürlich völlig falsch. Sie vergessen die 4,389 Millionen die für die Auftragsvermittlung an Provision bezahlt werden. Das ist gar nicht soviel, wenn man den Aufwand bedenkt den unsere armen Parteifreunde heutzutage haben.

    Es müssen Firmen in Lichtenstein gegründet werden, und der Schweiz, ein bisschen Cayman, diverse Beraterverträge müssen ausgearbeitet werden usw. usf.

    Das alles nur um die paar Netsch dann Steuerschonend an die Partei rückzuführen.

    Das alles ist natürlich nur in öffentlichen Interesse. Schließlich werden damit dann die Österreichischen. Medien bezahlt (es bleibt also im Land) damit wir korrekt und ordentlich informiert werden können. Unflätige Kritiker nennen sowas Wahlkampf.

    Apropos IT Kosten — Da scheint das Waffenregister mit 80.000 Euro geradezu unverschämt billig zu sein. Obwohl ich befürchte, dass die wahre Summe viel höher war, da das Ministerium für inneres bekanntgab, dass man kein Budget mehr hätte um Flyer zu drucken um den Waffenbesitzern das Register nebst neuer Gesetzeslage zu erklären.

    Dazu sollte man noch erwähnen, dass besagtes Register geradezu trivial ist und bis heute voll ist von unsäglichen Bugs. Im Grunde ist es nichts weiter wie ein User-Registration Formular das nicht wirklich getestet wurde und schon gar nicht die gesetzlichen Auflagen erfüllt.

    Kurzum, selbst wenn es nur 80.000 Euro waren, war’s zu teuer. Aber immhin nur um den Faktor 5-10 :)

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