Aus Phoenix wird „TYPO3 Neos“

Die TYPO3-Jubelmaschine läuft auf Hochtouren. Zwar habe ich ein wenig den Eindruck, dass sie das nur unter Aufbietung ziemlicher Anstrengungen tut und weniger aus Überzeugung, aber immerhin, es rührt sich etwas. Die T3CON12 ging gestern zu Ende, und die Eröffnungsansprache von Robert Lemke kann man sich auf Youtube anschauen. Leider wirkt er wenig prägnant. Irgendwie weiss er nicht wohin mit seinen Händen, während er spricht und hält sich hartnäckig an etwas fest, was wie eine Fernbedienung aussieht. Man hat das Gefühl, dass jene Hände viel, viel besser auf der Tastatur aufgehoben wären, denn er ist zweifellos ein exzellenter Programmierer.

TYPO3 Neos

Eine deutsche Konferenz in Stuttgart vor deutschem Publikum und mit deutschsprachigen Sprechern in englischer Sprache durchzuführen, wirkt irgendwie eigenartig und hat vielleicht etwas mit der lästigen deutschen „es allen recht machen wollen, nur den eigenen Leuten nicht“ Mentalität zu tun. Jeder Sprecher, ausser er heisst etwa Helmut Schmidt, kann sich in seiner Muttersprache sicherer ausdrücken und die Zuhörer verstehen es dann auch besser. Braucht man Intern­atio­nalität, gibt es Simultan-Dolmetscher, die ihrerseits die jeweilige Sprache viel besser beherrschen. Nach dem gefühlten fünfhundertsten „cool“ fängt’s an peinlich zu werden, daran ändert auch ein exzessiv verwendetes „äh“ nichts. Man möge mir bitte verzeihen, ich schreibe das nicht um zu beleidigen. Ich erwähne es nur deshalb, weil ich fast jedes verfügbare Video zur T3CON12 zusammen mit meinen thailändischen Mitarbeitern angeschaut habe und kaum jemand wirklich folgen konnte.

Warum schreibe ich solche Artikel?

Die Frage ist selbstverständlich berechtigt, denn ich könnte einfach still sein und ein anderes CMS verwenden, wenn mir TYPO3 nicht passt. Der Einwand ist zwar berechtigt, aber so einfach ist es nicht. Ich komme mir als langjähriger TYPO3-Anwender schlicht verarscht vor und fühle mich recht unwohl dabei, wenn man mir mein Werkzeug wegzunehmen versucht. Was genau, nach meiner Auffassung, bei TYPO3 nicht mehr in Ordnung ist, möchte ich hier skizzieren und damit einen Beitrag zur Verbesserung leisten.

Die Qualität und die Dokumentation

TYPO3 stand einmal für Stabilität und Verlässlichkeit. Mit dem Start von „TYPO3 Neos“ assoziiert man eher Chaos, Zeitdruck und Unausgegorenheit. Das Wichtigste bei der Markeinführung eines neuen Software-Produkts, die Dokumentation, kommt mit drei dürren Sätzen daher, Getting started und Features strahlt einem gar völlig leer entgegen (Stand: 7.10.2012, 11:20). (Update 10.10.2012: Unter den angegebenen Links ist jetzt Dokumentation vorhanden.) Patrick Lobacher hat eine Installationsanleitung veröffentlicht und zwar wenige Stunden nach Publizierung des Links zum Download von Neos. Es hätte ganz bestimmt einen besseren Eindruck gemacht, wenn so etwas von Anfang an auf der Homepage von Neos zur Verfügung gestanden hätte.

Nach der Installation, die bei mir reibungslos funktionierte, hat man es mit einem Konzept zu tun, das mich sofort an Drupal 7 erinnerte. Kein Backend mehr, Inhaltseingabe direkt auf den Webseiten. Soweit so gut. Aber ist das nun das Ergebnis von über drei Jahren Entwicklungszeit? Aber hey, wir können Überschriften und Texte eingeben, Seiten anlegen und sogar Bilder hochladen! Ja, ja ich weiss. Die wirklichen Neuerungen liegen unter der Haube und erschliessen sich nur Programmierern. Aber meinen Kunden (und das ist meine wichtigste Zielgruppe) kann ich das nicht als Innovation präsentieren, da könnte ich ebenso gut damit prahlen, dass mein Auto morgens immer anspringt. Warum werden solche Produkteinführungen mit so heisser Nadel gestrickt? Warum nimmt man sich nicht die Zeit etwas zu veröffentlichen, was auch poten­tiellen Kunden die Mächtigkeit zu demonstrieren vermag, die ja tatsächlich und unbestritten vorhanden ist? Sobald man Deutschland verlässt, weht einem ein eisiger Wind in’s Gesicht, wenn man TYPO3 präsentiert. Ausserhalb Deutschlands ist nämlich jede Neuerung oder Änderung, die bei TYPO3 stattfindet, nicht mehr per se und automatisch bejubelnswert.

Die nächsten zwölf Monate werden für unsere Firma die Entscheidung bringen, ob wir weiterhin TYPO3 verwenden oder auf etwas anderes umsteigen. Nicht ein einziger unserer thailändischen Mitarbeiter plädiert derzeit für TYPO3 und das finde ich persönlich sehr, sehr schade.

Die Namensgebung

Neos kommt vom griechischen Νέος (auf deutsch „neu“), und die Wahl dieses Namens ist nach meinem Dafürhalten mit genauso heisser Nadel gestrickt wie das Release der ersten Alpha-Version. Eine schlichte Google-Suche nach neos fördert satte 15 Millionen Ergebnisse zutage. Unter anderem wird der Begriff verwendet von

  • einem Hersteller aus Amerika für Überschuhe (PR 4)
  • einem Server-Anbieter aus Amerika (PR 6)
  • einem amerikanischen Büroartikel-Anbieter (PR 3)
  • der NASA für das Projekt Near Earth Object Programs (PR 6)
  • einer italienischen Charter-Fluglinie namens Neos Air (PR 5)
  • einem Online-Shop für zeitgenössische Musik (kein PR, da SSL)
  • einem Bibliotheksverbund aus Alberta, Kanada (PR 6)
  • von einer österreichischen Partei
  • ferner gibt es noch den Yamaha Neos, einen Motorroller

Soweit die erste Seite der Google Suchergebnisse. Keine Ahnung, ob das auch markenrechtliche Kon­se­quen­zen haben kann, aber abgesehen davon werden die Jungs und Mädels wohl nicht begeistert sein, wenn sie von den zahlreich zu erwartenden „Tipps & Tricks für Neos“-Seiten aus Deutschland von der ersten und zweiten Google-Seite verdrängt worden sind.

Aber auch sonst ist der Name ein Griff in’s Klo. Wie nennt man irgendwann den Nachfolger von TYPO3 Neos, der ja zwangsläufig einmal kommen muss? TYPO3 Super Neo? Kurzum, man hätte sich gewünscht, die mit stattlichen Mitteln ausgestatteten Protagonisten hätten erst einmal recherchiert und sich dann um einen Namen bemüht, der nicht so stark vorbesetzt ist. So etwas wie die Hommingberger Gepardenforelle vielleicht, die einst der Heise Verlag für einen SEO-Wettbewerb erfunden hat.

Die Kommunikation und die erlauchten Kreise

Die mangelnde Transparenz ist das grösste Problem überhaupt bei TYPO3. Niemand wird informiert oder aufgefordert, Vorschläge zu machen. Niemand ausser eben den erlauchten Kreisen, die ihre Entscheidungen am liebsten im stillen Kämmerlein treffen, fernab vom Fussvolk und zu ihrem eigenen besten. Das Fussvolk darf dann die Entscheidungen bejubeln. Tut es das nicht, reagiert man beleidigt und verweist darauf, dass man ja schliesslich mitarbeiten und der Association beitreten könne. Würde es wirklich etwas ändern, wenn man es täte? Es scheint nicht so zu sein, denn man liest in den Kommentaren dieses Blogbeitrages, dass nicht einmal Gold-Member informiert wurden.

Immerhin, und das muss man wirklich anerkennen, werden die Budget-Anträge für das Jahr 2013 zum ersten Mal öffentlich zur Diskussion gestellt. Ein Schritt in die richtige Richtung, auf jeden Fall und wer das jetzt nicht liest, sollte sich später auch nicht beschweren. Es bleibt zu hoffen, dass dies nur der erste Schritt von vielen weiteren sein wird. Ich wünsche TYPO3 trotz meiner Meckerei von Herzen alles Gute. Nicht nur zu jubeln, sondern Misstände offenzulegen, ist gelebte Demokratie und deswegen sollte niemand beleidigt sein.

Update 12.10.2012: Auf typo3.net scheint zu diesem Thema eine Diskussion in Gang zu kommen. Das freut mich sehr und ich hoffe und wünsche, dass sie konstruktiv sein wird.