Was ist los mit TYPO3?

Mit Statistiken ist das immer so eine Sache. Absolute Zahlen spielen bei Content Management Systemen kaum eine Rolle und sie sind auch recht schwer zu ermitteln. Anders sieht es nach meiner Meinung bei Trends aus und diese lassen bei TYPO3, so sehr ich das auch bedauere, nicht besonders viel Positives ahnen. Alle folgen­den Grafiken sind Screenshots von trends.builtwith.com.

TYPO3 Trends
TYPO3 Trends, August 2011 bis September 2012

TYPO3 ist ein Enterprise-CMS. Der Trend bei der Verwendung von Top 10.000 Domains (grüne Linie) sinkt jedoch. Mit etwas gutem Willen könnte man noch von Stagnation sprechen, doch selbst das wäre nicht unbedingt positiv zu sehen.

Die Verbreitung bei den weniger bedeutsamen Domains (blaue und braune Linie) verläuft annähernd parallel. Von einer Steigerung ist aber auch hier nichts zu sehen.

Was mich aber am meisten stört ist aber die Tatsache, dass die Verbreitung von TYPO3 bei den unbedeutendsten Domains (Top Million) am höchsten ist. Abgesehen davon, dass es sich hier meistens um Webseiten handelt, die die Welt ohnehin nicht unbe­dingt braucht, ist TYPO3 hier meistens Overkill und man macht sie mit anderen Systemen meist schneller und effizienter.

Drupal Trends
Drupal Trends, August 2011 bis September 2012

Ganz anders sieht es bei Drupal aus. Nicht nur die in Zahlen absolute Verbreitung scheint deutlichst höher zu liegen (siehe senkrechte Achse der Grafik), sondern auch der Trend ist im Laufe eines Jahres ständig gestiegen.

Damit nicht genug, auch die Verteilung scheint bei Drupal „richtig“ zu sein. Die höchste Verbreitung ist bei den Top 10.000 Domains (grüne Linie) zu finden, also bei den Wichtigen, wohingegen die Verbreitung bei den unwichtigsten Domains deutlich am Geringsten ist. Also genau so, wie man sich das bei einem Enterprise CMS eigentlich vorstellt.

Ich erspare es mir, auch noch die Grafiken für Joomla! und WordPress darzustellen. Der geneigte Leser mag sie sich selbst anschauen und wird zu dem Schluss kommen, dass auch hier der Trend entweder steigend ist oder gleich bleibt, aber auf alle Fälle die Verteilung im „richtigen“ Marktsegment zu finden ist. Joomla! ist nun einmal kein Enterprise CMS und WordPress ist hauptsächlich eine Blogsoftware. Beide werden also ihre höchste Verbreitung bei den unwichtigsten Domains finden. Das ist kein Qualitätsmasstab, sondern eine Frage der richtigen Marktpositionierung.

Was läuft verkehrt bei TYPO3?

Ich arbeite seit Ende 1999 mit TYPO3 und man möge mir verzeihen, wenn ich auf diese Frage mit „Vieles“ antworte. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, es wird grossartige Arbeit geleistet von den vielen Program­mierern, die am Core arbeiten und den zahlreichen anderen, die Beiträge in welcher Form auch immer leisten. Aber wie so oft im Leben, das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile. Und dieses „Ganze“ passt irgendwie nicht mehr so ganz.

Eine völlig undurchsichtige Versions-Politk

Es existiert eine Longterm Support Version (4.5.x for old projects) welche bis April 2014 (Quelle) voll unter­stützt und gewartet wird. Das ist die Version, mit der wir ausschliesslich arbeiten und die ich auch empfehlen kann, das nur am Rande. Die Version 4.6.x wird als Old stable release bezeichnet, wird voll unterstützt bis Oktober 2012 und erhält Sicherheitsupdates bis April 2014. Es wird also etwas als alt bezeichnet, was aber trotzdem noch zwei jahre unterstützt wird.

Die Version 4.7.x (for new and existing projects) schliesslich erhält volle Unterstützung bis Oktober 2013 und Sicherheitsupdates ebenfalls bis April 2014. Alle diese Versionen laufen also im April 2014 aus. Jetzt die Preisfrage, die ein Entscheider sich stellt: Welche Version soll verwendet werden, wenn alle zum selben Termin nicht mehr unterstützt werden? Und warum soll man Version 4.5.x überhaupt updaten, wenn es doch genau so lange ünterstützt wird wie alle anderen?

Wenn Sie nun nach dreimaliger Lektüre der obigen zwei Absätze morgen noch wissen, welche Version bis wann Sicherheitsupdates erhält und wann sie jeweils ausläuft, gebe ich einen aus. Versprochen. Aber das alleine wäre mir keine Zeile wert gewesen. Es kommt noch viel schlimmer!

Nach vier kommt fünf und danach sechs. Normalerweise. Nicht jedoch, wie es scheint, bei TYPO3. Nach der Version 4.x wird die Version 6.x erscheinen, von der derzeit die Beta2 zum Download bereit steht. Ich will mich gar nicht darüber beklagen, dass man die Beta2 ohne Patch gar nicht installieren kann, nein (obwohl ich mich schon frage, ob die Installation überhaupt einmal ausprobiert wird, bevor das Download-Paket erstellt wird). Was mich wundert ist wer sich ausgedacht hat, dass das komplett neue TYPO3 Phoenix die Versions­nummer 5 tragen soll. Also, zum Mitschreiben: Bei TYPO3 ist die Version 5 neuer als die Version 6. Wer soll das alles noch verstehen oder nachvollziehen können?

TYPO3 ist das Gesicht abhanden gekommen

Kasper Skårhøj, ein dänischer Programmierer, ist der Erfinder und frühere Haupt-Entwickler von TYPO3. Leider ist er das nicht mehr. Der Linux-Kernel wird von einem einzigen Mann – Linus Torvalds – koordiniert. Genau deswegen funktioniert er (der Kernel) auch. Ubuntu ist deshalb relativ erfolgreich, weil es von einer Firma – Canonical – betreut und herausgegeben wird, die zuweilen auch unpopuläre Entscheidungen trifft (z.B. Unity) und vor allen Dingen auch durchsetzt.

Das Ganze kann durchaus ein demokratischer Prozess sein, aber am Ende muss es jemanden geben, der Entscheidungen trifft. Dieser „Jemand“ fehlt bei TYPO3, die Lücke die Kasper hinterliess, wurde nie wieder geschlossen. Ein Fehler, wie ich meine. Viele Köche verderben den Brei.

Mangelndes Konzept und Bugs ohne Ende

Welche Template-Engine darf es denn sein? Fluid, TemplaVoila, Template Auto-Parser oder doch lieber die gute alte Handarbeit? Templates nur mit TypoScript? Erkennbar ist das bei TYPO3 nicht. Bitte, ich spreche nicht von Profis, die jeden Tag mit TYPO3 arbeiten und ganz genau wissen, was für sie jeweils gut ist und was nicht. Ich spreche von Entscheidern, von Kunden, die sich im Vorfeld ganz genau informieren und mir dann am Telefon sagen: „Wenn Sie das nicht mit Drupal realisieren können, kommen wir nicht zusammen, TYPO3 ist uns zu unsicher, bei TYPO3 weiss man nie, was kommt.Es sind doch diese Entscheider und Kunden, auf die es ankommt! Worauf es indes nicht ankommt, sind junge Entwickler, denen noch die Erfahrung fehlt, die sich aber profilieren möchten. Wer am lautesten schreit, der wird gehört? So macht man keine erfolgreichen und stabilen Content Management Systeme!

Kann mir bitte jemand erklären, weshalb Benutzer-Anmeldung, -Verwaltung und -Registrierung noch immer nicht dort sind, wo sie hingehören? Nämlich in den Core und nicht in völlig veraltete Plugins, die sich zudem nur von eingeschworenen alten TYPO3-Hasen umständlichst konfigurieren lassen, die das entsprechende TypoScript Voodoo beherrschen und die offenbar gar kein Interesse daran haben, dass irgendjemand anders das auch noch kann.

Bugs kommen bei jeder Software vor, keine Frage. Aber zum Beispiel der, der und der dürfen einfach nicht passieren, will man sich nicht lächerlich machen.

Die Lösung?

Ich habe keine, leider. Möglicherweise muss TYPO3 ein ähnliches Schicksal erleiden wie Plone, damit es anschliessend wie Phönix aus der Asche (kommt der neue Code-Name etwa daher?) wieder in neuem Glanz erscheint. Ich hoffe es inständig. Derzeit ist allerdings wirklich so, dass man Kunden in Asien eine Lösung mit TYPO3 fast nicht mehr vermitteln kann. Schade.